Report Stadion

Von Max Frisch und (fast) leeren Stadien

“Geist ist die Voraussetzung der Langeweile!” – das schreibt der grosse Schweizer Schriftsteller Max Frisch in seinem Tagebuch 1946–1949, das 1950 veröffentlicht wurde. Ohne Geist keine Langeweile also. Im Gegensatz zu den Affen im Zoo, denen bei Langeweile nur das Spielen mit Nüssen oder ihren Geschlechtsteilen Abhilfe schafft, kann der Mensch sich ihr im Theater oder an einem Konzert entziehen, so Frischs Feststellung. Sein Verhältnis zum Sport wurde scheinbar nie abschliessend geklärt. Wäre er damals ein bekennender Sportliebhaber gewesen, hätte doch der Stadionbesuch in dieser Aufzählung keineswegs fehlen dürfen.

70 Jahre später sieht die Lage etwas anders aus. Infolge des Covid-19-Lockdowns wurden Theater, Konzerte und auch Fussballspiele zwischenzeitlich vom menschlichen Vergnüngungsprogramm gestrichen. Inzwischen finden wieder Theatervorführungen und Musikveranstaltungen statt, allerdings unter Berücksichtigung der bekannten Schutzmassnahmen. So auch die Fussballspiele. Doch als Unterhaltung im herkömmlichen Sinne dienen sie nicht mehr. Während ein Theaterbesuch mit Schutzmaske und sozialem Abstand ein ähnliches Vergnüngen sein mag wie ohne, ist der durchorganisierte und strikten Verhaltensregeln folgende Besuch eines Fussballstadions nicht mehr Vergnügen, sondern vielmehr die unmittelbar sichtbar gewordene, wahrhaftige Langeweile selbst. Im Grunde genommen ist er bestenfalls noch so spannend wie ein Spiel im Fernsehen. Im Jahr 2020 hätte Frisch also alles Recht dazu gehabt, den Matchbesuch in seiner Liste zu vernachlässigen.

Wohl angesichts der aktuellen Situation und des nun schon seit über einem halben Jahr andauernden, kalten Entzugs spielte mir mein inneres Auge einen Streich, als ich über dieses Zitat stolperte. “Geisterspiele sind die Voraussetzung der Langeweile!”, las ich da. Und es spielte weiter: “Was diesen Sommer bestätigt wurde, Schriftsteller Max Frisch aber schon vor 70 Jahren exklusiv berichtete …”

Der entstellte Fussball hat mich stark beschäftigt, und er tut es immer noch. Die Geisterspiele sind zwar – zumindest vorübergehend – passé, dennoch ist der Fussball, den wir lieben, immer noch in weiter Ferne. Anlässlich des erstens FCL-Heimspiels der neuen Saison von übermorgen berichten die folgenden Zeilen von meinem persönlichen Geisterspielerlebnis bei der Wiederaufnahme-Partie des FCL gegen Basel vom 21. Juni 2020.

***

Luzern an einem Sonntagnachmittag Mitte Juni, Viertel nach drei auf der Uhr. Ich schwinge mich, wie immer etwas in Eile, auf mein Velo und mache mich auf den Weg Richtung Stadion. Um vier wird die Meisterschaftspartie meines FCL gegen den FC Basel angepfiffen. Dass ich ohne grosse Zeitreserve an ein Sonntagsheimspiel aufbreche, ist nichts Aussergewöhnliches. Doch damit hat es sich bereits mit den Gemeinsamkeiten zu einem üblichen Matchtag. Denn ab heute und bis auf Weiteres ist fast alles anders: Wir befinden uns in der Corona-Krise, die zwar mittlerweile etwas entschärft, aber bei Weitem noch nicht ausgestanden ist. Praktisch weltweit hat der organisierte Fussballbetrieb für die letzten drei Monate geruht. Die letzte FCL-Partie ist satte vier Monate her: Am 22. Februar holten wir in Thun einen Punkt. Dass dies das letzte Fussballspiel im gewohnten Rahmen für lange Zeit sein sollte, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand wirklich erahnen. Ganz zu schweigen von den Auswärtsfahrten wie an jenem Samstagabend. In einer Zehnerliga mit 36 Runden, mit vielen austauschbaren, charakterlosen Stadien und regelmässigen Sonntagsspielen wurden sie zum Salz in der über die Jahre recht fad gewordenen Suppe. Hätten wir das damals gewusst, hätten wir im Berner Oberland vielleicht „ no vöu blöder to“. Höhö.

Von nun an werden Geisterspiele in der Schweiz dominieren. Gut, streng genommen sind es hauchdünn keine Geisterspiele, denn total dürfen 300 Leute ins Stadion. Nach Abzug von Spielern, Betreuer*innen, Funktionär*innen, Medienschaffenden und sonstigem Personal bleibt noch ein mickriges Kontigent für Zuschauende übrig. Bei uns in Luzern wurden dabei per Los 15 Saisonkartenbesitzer*innen auserkoren, die je zwei Matchbillette erhielten. Ausserdem dürften sich noch die einen oder anderen geladenen Gäste hinzugesellen. Insgesamt werden dem heutigen Spiel also um die 50 Zuschauer*innen beiwohnen. Solche Zahlen ist man sich sonst von schlecht besuchten 3.-Liga-Spielen gewohnt.

Ich passiere den Schwanenplatz, wo in normalen Zeiten die Touristen-Massen das Stadtbild dominieren und den umliegenden Uhrengeschäften auf ihren Blitzbesuchen die Türen einrennen. All das fehlt im Moment, aber vermissen tu ich es nicht. Die Linkskurve bringt mich zur Seebrücke. Trotz Corona sind viele Leute unterwegs, aber vom bevorstehenden Fussballspiel ist nichts zu spüren, nicht einmal ein paar Meter weiter beim Bahnhof. So wie es draussen aussieht, sieht es auch in mir drinnen aus. Was sonst spätestens frühmorgens mit ersten (Sinnlos-)Chat-Nachrichten, Apéroabmachungen und Heissmachparolen beginnt und Kopf, Herz und Nerven vereinnahmt, bleibt komplett aus. Meine Gefühlslage ist gerade ein undefinierbares Potpourri aus Gleichgültigkeit, Anschiss, Ungewissheit, Traurigkeit und Selbstzweifel. Was ist schon ein Match ohne Kurve? Was soll ich damit? Warum lege ich mich nicht einfach irgendwo in die warme Sonne? Wie trostlos wird die Stimmung? Gibt’s überhaupt Stimmung? Wann wird’s wieder wie vorher? Warum geh ich nun doch ins Stadion, obwohl ich immer behauptet habe, dass Fussball in diesem Rahmen keinen emotionalen Wert für mich hat? Obwohl ich das ganze Funktionärsgehabe über die angebliche Systemrelevanz des Schweizer und, noch mehr, des Weltfussballs kritisiert habe? Wie kann ich nur so inkonsequent sein? Verrate ich mich nicht selber damit? Und vor allem meine Freunde, mit denen ich diese Leidenschaft teile? Und das bloss weil ich mir mal in den Kopf gesetzt habe, die perfekte Saison zu schaffen und jedes Pflichtspiel im Stadion zu sehen? Bin ich damit nicht keinen Deut besser als die Verbände und Ligen, die sich für wichtiger nehmen, als sie sind, und primär für sich schauen, wenn es hart auf hart kommt?

Abgesehen von all den Fragen in meinem Kopf, die mich seit der Bekanntgabe der Meisterschafts-Wiederaufnahme beschäftigen, gestalten sich Spieltagsgefühle von Match zu Match ein wenig anders. Ein Auswärtsmatch mit vierstündiger Extrazugfahrt ins Wallis an einem heissen Samstag ist ein hoher Feiertag gegen einen müden Sonntagnachmittagskick zuhause in der Goldschüssel. Das heute ist aber noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Immer wieder ertappte ich mich zuvor, wie mir wieder in den Sinn kam, dass ja heute noch ein Spiel ansteht. Aber trotzdem radle ich raus auf die Allmend. Im Wissen, dass ich heute auf der Haupttribüne Platz nehmen werde und nicht wie sonst mit allen anderen in der Kurve stehen kann, hält sich die Vorfreude auf den Match arg in Grenzen. Unser Stehplatzbereich hinter dem Tor ist geschlossen, genauso der Gästesektor. Gerade gegen Basel dürfte das stimmungstechnisch ein krasser Kontrast werden. Es fühlt sich an, als würde ich zu einem Pflichttermin fahren. Zu irgendeiner lästigen Sitzung. Wobei, gewissermassen ist es eine Art Pflichttermin für mich. Der FCL ist mein Klub, seit sich der Fussball in meinem Leben eingenistet hat. Blauweiss zu unterstützen ist für mich eine Selbstverständlichkeit, egal wann, egal wo. Jeder langjährige Fussballfan kennt das: Die Sinnhaftigkeit dieser bedingungslosen Hingabe wird gar nicht erst in Frage gestellt. Zu oft schon ist der Versuch fehlgeschlagen, darauf eine stichfeste Antwort zu finden. Sogar dann, wenns gerade besonders scheisse läuft. „Warum mach ich das bloss?“, fragt man sich dann, um am nächsten Wochenende doch wieder in der Heimkurve zu stehen, wenn der Aufsteiger die eigene Mannschaft sang- und klanglos mit 5:0 deklassiert. Spätestens beim nächsten Auswärtssieg ist der ganze Zweifel wie vom Winde verweht und die Fussballwelt dreht sich fröhlich weiter. War irgendwas?

Auf der Zentralstrasse, wo sonst für die Extrazugankunft der Gäste alles hermetisch abgeriegelt ist, winkt mir ein guter Kumpel aus der Kurve vom Trottoir aus zu. Er spaziert mit seiner Liebsten im Arm seelenruhig in die entgegengesetzte Richtung. Ins Stadion geht er heute definitiv nicht. Die absurde Situation verdichtet sich geradezu in diesem Bild. Keine 200 Meter später erspähe ich aus dem Augenwinkel eine Handvoll befreundeter FCL-Jungs vor der Capitol-Bar. Mit ihnen zusammen wurde ich vor über zehn Jahren als Grünschnabel in der Luzerner Kurve sozialisiert, damals noch auf der altehrwürdigen Allmend. Ihren Fanatismus haben sie bis heute, ins – für Schweizer Verhältnisse – hohe Kurvenalter, beibehalten. Das bewundere ich an ihnen nach wie vor. Normalerweise stehen sie zu dieser Zeit schon im Block, an den Choreoseilen oder verteilen den Stelzbock. Okay, gelegentlich auch am Bierstand. So viel Gemütlichkeit darf’s im mittlerweile reiferen Fan-Alter auch mal sein. Und nun, eine halbe Stunde vor Anpfiff eines FCL-Spiels, gönnen sie sich gemütlich einen Gerstensaft fernab des Stadions. Ich drehe kurz um für einen Schwatz. Den Match würden sie sich, wenn überhaupt, hier in der Capitol-Bar anschauen. Das Kribbeln, die Nervosität, alles nicht da. Als wärs irgendein Testspiel gegen Schötz oder Winterthur. (Wobei, ein solches würden sie angesichts des sonstigen Ligaeinheitsbreis ganz sicher vor Ort mitverfolgen.) Damit tun sie es der restlichen Kurve gleich: Die USL, Dachorganisation der Luzerner Fans, hat, wie die meisten anderen ihrer Pendants in der Schweiz, verlauten lassen, dass sie keinen organisierten Support leisten wird, solange sich die Umstände nicht wieder komplett normalisiert haben.

Etwas wehmütig verabschiede ich mich. „Guete Match!“ Ein weiteres Mal wird mir unmissverständlich vor Augen geführt, dass das heute kein Spiel wie jedes andere werden wird. All die bekannten Gesichter aus der Kurve begegnen mir bestenfalls über die ganze Stadt verstreut, aber ganz sicher nicht dort, wo ich sie am liebsten treffe: auf den Stehplätzen im Stadion. Auch vor der Zone 5 sieht es aus, als wäre Dienstagmittag. Niemand am Rauchen, keine leeren Bierflaschen auf dem Fenstersims, Schotten dicht.

Leerer Stadionvorplatz der Allmend.
Fussball? Hier?

Irgendwann nach halb vier biege ich auf die Zielgerade ein: Vor mir der riesige, leblose Messevorplatz. Um diese Zeit muss ich dort normalerweise die hart antrainierten Slalomkünste mit meiner Stadtlimousine unter Beweis stellen, um die zahllosen Menschengrüppchen zu umkurven, die sich Richtung Stadion bewegen. Heute hingegen könnte ich problemlos blindlings und fadengerade auf meinen gewohnten Parkplatz zusteuern. Nichts deutet hier auf Schweizer Spitzenfussball hin. Alles ausgestorben. Ich schliesse meinen Drahtesel an meinem Stammplatz ab und passiere den leeren Stadionvorplatz, auf dem sonst Festbänke, Raclettewagen und ein Bierzelt stehen. Normalerweise betrete ich das Stadion just an dieser Ecke, heute aber sind sowohl der Kurven-, als auch der Gegentribüneneingang geschlossen. Mein Weg führt mich an den Medien- und Spielereingängen vorbei zur südlichen Ecke der Haupttribüne. Als erstes erspähe ich einen Desinfektionsmittelspender und den dringlichen Hinweis, stets zwei Meter Abstand zu seinen Nachbarn zu wahren. Am Eingang erwarten mich zwei maskierte Ordner, die mir neben einem Matchpaket mit FCL-Fahne, Bier- und Sandwich-Gutscheinen ein Formular aushändigen, auf dem ich meine Personalien notieren und versichern muss, dass ich in den vergangenen zwei Wochen von etlichen Allerweltsgebrechen wie Kopfweh, Schnupfen oder Husten verschont geblieben bin. Und dass ich ausserdem keinen Kontakt zu einer Person mit derartigen Beschwerden hatte. Ich komme mir vor, als würde ich gleich in ein hochgefährliches Forschungslabor eintreten. Nachdem ich alles brav ausgefüllt habe, werde ich freundlich Richtung Stadionumgang verabschiedet. Dort zeigt sich das nächste ungewohnte Bild: Keine Menschenseele da, Absperrgitter mitten im Weg und verriegelte Bierstände. Bonjour Tristesse. Hier soll in wenigen Minuten ein Fussballspiel steigen? Ernsthaft?

Desinfektionsmittelspender vor dem Stadioneingang.
Darf’s einen Gespritzten sein?

Durch das Mundloch schlendere ich in den Innenraum. Tatsächlich, da steht diese Liga-Sponsoren-was-auch-immer-Roll-Tafel auf dem Platz. Ich suche mir einen – notabene gepolsterten – Sitzplatz neben den erwarteten, rund 50 weiteren Zuschauer*innen aus. Selbstverständlich mit genügend Abstand, wie sich das für ein Fussballspiel gehört. In mir drin regt sich nichts. So kurz vor dem Anpfiff verspüre ich bestenfalls Lethargie. Zu diesem Zeitpunkt macht der Capo die Kurve normalerweise ein letztes Mal heiß, jeden Moment würde „Marmor, Stein und Eisen bricht“ aus hunderten Kehlen ertönen. Mein Blick schweift rüber zur Kurve. Weit und breit leere Betonstufen. Das ist nicht der FCL, den ich (hass-)lieben gelernt habe. Das ist viel eher ein grosses Freiluftsitzungszimmer. Im Hochhaus direkt hinter dem Stadion haben sich einige „Zaungäste“ auf den Balkonen mit Fahnen eingerichtet. Kurz vor vier laufen die Mannschaften ein. Nicht gemeinsam, sondern gestaffelt. Die Ersatzspieler nehmen statt auf der Ersatzbank auf unserer Tribüne weiter unten Platz. So sieht es das Corona-Schutzkonzept der SFL vor.

FCB-Ersatzspieler nehmen zuunterst auf der Haupttribüne Platz.
Die Corona-Ersatzbank.

Anpfiff. Es ist gespenstisch ruhig, ich bin verunsichert. Sind in diesem intimen Rahmen meine sonst gängigen, impulsiven Ausfälle bei x-beliebigen Spielszenen deplatziert? Da hört mich ja jeder! Bei einer Sitzung schreie ich schliesslich auch nicht einfach ungefragt „So ein Scheiss!“ in die Runde oder fahre dem Moderator an den Karren. Die Präsentation läuft gerade auf dem Rasen, also schaue ich ganz gesittet zu. Wobei, wenn ich ehrlich bin, fehlt in mir jegliche Anspannung. Was mache ich hier überhaupt? Von mir aus können wir mit 0:7 untergehen, denk ich mir. Gleichzeitig steht aber noch die Europa-League-Qualifikation auf dem Spiel. Mit Neo-Trainer Celestini sind wir sensationell in die Rückrunde gestartet, stellen sogar die beste NLA-Mannschaft im laufenden Jahr. Da könnte also noch einiges gehen. Und wer schon mal dabei war, der weiss, dass Europacup-Quali-Ausflüge schlichtweg das Geilste überhaupt sind, was man in einer Fankarriere eines durchschnittlichen NLA-Vereins erleben kann. Sie sind quasi das Himalaya-Salz in der Ligaalltagseinheitssuppe. Und das ist noch untertrieben. Was ist los mit mir? Solch rosige Aussichten, und ich liege wie ein Kartoffelsack teilnahmslos im Haupttribünensessel? Aber dieses Jahr ist eben alles anders. Wer sagt denn, dass überhaupt eine EL-Qualifikation gespielt wird? Die UEFA wird im Zweifelsfall definitiv nicht ihren Goldesel, die Gruppenspiele, kastrieren, sondern viel eher die lästige Qualifikation drastisch abkürzen oder gleich ganz streichen. Und selbst wenn nicht – ist es überhaupt realistisch, diesen Sommer europäische Spiele mit Zuschauer*innen auszutragen? Wohl kaum.

Nach knapp fünf Minuten schaltet sich der Videoschiedsrichter ein, auf dem Platz steht alles still, die Tribüne hält den Atem an. Hier könnte man jetzt eine Stecknadel auf den Boden fallen hören. Es ist, als würde in unserer Sitzung nun der Remote-Teilnehmer das Wort ergreifen. Nur leider ist Schiri Fedayi San der einzige im ganzen Sitzungszimmer, der ihm zuhören kann. Der VAR, das jüngste Ungetüm des modernen Fussballs, bekommt in dieser Situation gerade eine zuvor unbekannte, absurde Dimension. Die ganze Szenerie wirkt wie eingefroren. Niemand der Akteure auf dem Platz und den Rängen traut sich, auch nur ein Pieps von sich zu geben. Und dann: Entwarnung. Es war kein Luzerner Hands im eigenen Strafraum. Weiter geht’s.

Auf dem Rasen geht in der ersten Viertelstunde (noch) nicht die Post ab. Ich ertappe mich, wie sich mein Fokus auf das Geschehen um mich herum verschiebt. „Très bien, Ibra!“ – „Du, redt de Ibra äigentlech Änglisch oder Französisch?“ – „Auä scho Französisch.“ Zwei ältere Herren führen einen typischen Sitzplatzdialog, dessen Natur ich von den kindheitlichen Matchbesuchen mit meinem Vater noch gut kenne. Alles wird süffisant kommentiert, diskutiert, erschlossen und selbstverständlich – wo nötig – korrigiert. „Esch es Offside gsi, Roland?“ – „Jojo, aso be de Ballabgab scho.“ An einem gewöhnlichen Fussballspiel auf der Allmend wäre dieser Dialog im Stimmenwirrwarr untergegangen, aber heute haben die beiden Gesprächspartner quasi die Stimmhoheit auf der Tribüne. Jede und jeder darf daran teilhaben.

Plötzlich wendet sich ein anderer Zuschauer mit einer – fast schon unverschämt lauten – Botschaft an Taulant Xhaka im Basler Dress, der nach einem Foul liegenbleibt und kurz gepflegt wird: „Use, Tauli!“ Und weil wir ja heute unter uns sind, kommt prompt die Antwort in unverkennbarem Baseldeutsch vom Platz: „Bes ruig, wennde d Reegle ned khennsch!“ Ein astreines Fachgespräch zwischen Zuschauer und Fussballprofi hat gerade stattgefunden, was sonst bei vollen Rängen nie möglich gewesen wäre. Schmunzelnd schweife ich in Gedankenspiele ab. Als Fussballromantiker – und zu denen zähle ich mich auch – eröffnet einem die aktuelle Situation ganz neue Perspektiven. Auf einmal ist man den Kickern auf dem Platz viel näher, fast könnte man meinen, man kenne sich persönlich von all den Spielen. Ist es nicht das, was wir mitunter doch so gerne am modernen Profifussball kritisieren? Hier die zahlenden und konsumierenden Fans, genau genommen ganz einfach die Kunden – und dort die grossverdienenden, abgehobenen Fussballstars in ihrer Schönen-Welt-Blase, mit keinerlei Bindung mehr zu Verein und Fans. Gut, in der Schweiz ist diese Diskrepanz zugegebenermassen nicht wirklich vorhanden. Da reden wir eher von den Stammgästen in der Königsklasse. Trotzdem fühlt es sich plötzlich so an, als wäre jene Bindung immer da gewesen. So, als würde man seinen Freunden auf dem Dorfplatz beim lokalen 3.-Liga-Derby zuschauen, mit denen man nach dem Spiel in der Klubbeiz ein paar Hülsen kippt.

Halbvoller FCL-Bierbecher im leeren Stadionumgang
Schotten dicht.

Apropos Hülsen: Das Bier wird heute nicht an den üblichen Verpflegungsständen im Stadionumgang ausgeschenkt, sondern im kleinen Rahmen direkt aus der Teppichetage hinter der Glasfront. Der Barkeeper bedeckt das frisch gezapfte Bier mit einem Plastikdeckel und reicht es mir über den Tresen. Ganz umweltbewusst wende ich freundlich ein, dass ich keinen Deckel benötige. „Geht nicht, der muss drauf wegen Infektionsgefahr.“ Na dann. Auf dem Rasen zeigt der FCL inzwischen ein ganz munteres Spiel, und in der 23. Minute münzt Margiotta auf Pass von Ndiaye die Überlegenheit in den 1:0-Führungstreffer um. Instinktiv dreht er in klassischer Flieger-Pose in Richtung leere Gegentribüne ab. Das hat etwas Tragikomisches, denn dort ist niemand, der seine Freude mit ihm teilen könnte. Meine Sitznachbarn springen auf und jubeln. Mich aber berührt die frohe Kunde nicht so recht. Irgendwie hat es dieses spezielle Fussballspiel bisher nicht geschafft, mich auf Betriebstemperatur zu bringen. Ich spende einen artigen Applaus im Sitzen. Im Sitzen! Wiederum verliere ich mich in Gedanken. Könnte ich mich so nach einem FCL-Tor von aussen beobachten, würde ich mich nicht wiedererkennen. Man sagt mir zuweilen nach, dass ich grundsätzlich ein gelassenes Gemüt sei. Im Fussballstadion würde ich das aber definitiv verneinen. Der ungebändigte Torjubel ist schliesslich die Essenz ein jeder Fan-Existenz, die auch ich ausgelassen zelebriere. Denn für genau diesen Moment, wenn unsere Mannschaft ein Tor schiesst, gehen wir alle doch immer und immer wieder ins Stadion. Diese kollektive, in Sekundenbruchteilen entstehende Eruption von total banaler und doch purer, unverblümter Glückseligkeit, die einen alles andere kurzzeitig vergessen lässt – sie ist die unberechenbare Droge der Fussballsüchtigen. Und ich, ich klatsche verlegen. Ich komme mir gerade vor wie eine gespaltene Persönlichkeit. Klar, ich will, dass der FCL Tore schiesst, gewinnt. Ich bin nun mal FCL-Fan. Deswegen bin ich hier, seit Jahren. Und ja, ich freue mich über das 1:0. Dennoch will die innere, rationale Stimme einfach nicht verstummen, die mir ständig einzutrichtern versucht, dass ein solches Fussballerlebnis viel zu weit weg von jenem ist, das mich zu dieser Chose gebracht hat. „Wie kannst du so etwas unterstützen?“, fragt sie mich vorwurfsvoll. Ich habe keine schlagkräftige Antwort.

Mittlerweile ist Pause. Zu meinem Erstaunen erspähe ich einen alten Bekannten (oder bekannten Alten?) zwei Reihen unter mir. Ihn treffe ich sonst eher auf einem meiner unregelmässigen Besuche im Salon Erika der grossartigen Winterthurer „Schützi“ oder auf anderen Bolzplätzen an, aber nicht an einem FCL-Spiel. Er spendiert mir ein Bier, und mich nimmt es wunder, was ihn hierher verschlägt. Er komme schon lange nicht mehr auf die Allmend, zu gross und anonym sei es ihm geworden. Lieber tingele er auf Grounds tieferklassiger Dorfvereine der Schweiz umher, weil ihm die familiäre Atmosphäre dort so gut gefalle. Dass er diese heute für einmal mutmasslich auch auf der Allmend vorfinden würde, habe ihn angelockt. Ganz richtig vermutet, denke ich mir.

Die zweite Hälfte beginnt, und ich bemerke, wie mich der Match nun doch zunehmend zu packen vermag. Immerhin heisst der Gegner Basel, und Blauweiss hat hier das Zepter eindeutig in der Hand. An sich ist dieser ansteigende Verlauf von emotionaler Vereinnahmung mit zunehmender Spieldauer nichts Aussergewöhnliches. Je näher es gen entscheidende Phase geht, desto hektischer wird’s auf dem Platz, desto mehr geht das Publikum mit. Das ist bei mir selbstverständlich nicht anders. Ob das wohl auch am inzwischen dritten Bier liegt, an dem ich genüsslich nippe?

Für einen Lacher sorgt in der 68. Minute eine Stadiondurchsage, die das Publikum freundlich bittet, das „Pfeifen mit der Trillerpfeife zu unterlassen“. Haben sich denn sogar unter die auserwählten 30 Gäste ein paar Chaoten geschmuggelt? Auszumachen war jedenfalls lediglich die Trillerpfeife des Schiris. Die letzte Viertelstunde läuft, als Taulant Xhaka – von unserer Tribüne seit dem frühen Rencontre als dankbare Zielscheibe jeglicher Sticheleien auserkoren – für einen historischen Moment sorgt. Auf den Zuruf, dass er sich zusammenreissen soll, entgegnet er unüberhörbar: „Heb din Schlitte, du huere Schissdrägg!“ Carlos Varela lebt! Zwölf Jahre nach der Kreation jenes geradezu poetischen Meisterwerks hat sich dieses scheinbar nicht nur bei Fans, sondern auch bei den Spielern im Fussball-Standardvokabular etabliert. Zumindest für etwas Unterhaltung ist hier immerhin gesorgt, wenn auch auf eine andere Art als gewöhnlich. Ab und zu schallt ein kurzes „Ho, ho, hopp Lozärn“ ins leere Rund, und die – inklusive Ersatzspieler und Funktionär*innen – vielleicht 150 Blauweissen im Stadion fiebern ungefiltert mit dem Geschehen auf dem Rasen mit, ganz ohne Klangteppich aus der Kurve.

Dann kommt die 81. Minute. Males läuft durch die komplett unmotivierte Basler Verteidigung bis an die Grundlinie und legt mustergültig auf Eleke zurück, der zum 2:0 einnetzt. Jawohl! Die Freude ist gross, diesmal springe auch ich auf und juble fast wie in guten, alten Tagen. Für einen Moment sind die Bedenken und die Zweifel weit weg. Stehende Ovationen kommen jetzt von den Rängen. Ich gönne mir noch ein Bier, und in der allgemeinen Heiterkeit geht der 2:1-Anschlusstreffer der Basler komplett unter, als ich am Bierfenster stehe. Ziemlich verwundert erfahre ich durch den Stadionsprecher von Cabrals Tor, als ich mich gerade hingesetzt habe. Sind keine Gästefans da, bejubelt auch niemand auf den Rängen ein Gästetor. Ganz einfach. Abgesehen von der fehlenden Tor-Benachrichtigung aus der Kurve hat ein Fussballspiel ohne Gästefans auch sonst einen faden Beigeschmack. Und das, obwohl man sie während der gesamten 90 Minuten auf mehr oder weniger höfliche Art ins Pfefferland wünscht. Das gegenseitige Hochschaukeln von Emotionen, das Wechselspiel mit den Akteuren auf dem Platz, das alles findet mit zwei gegnerischen Kurven im Stadion mindestens doppelt so intensiv statt. Das erzeugt die Stimmung, die süchtig macht. Und seien wir ehrlich: Wer verabschiedet den Gegner schon nach einem zuckersüssen Sieg nicht gerne mit einem hämischen Ständchen? „Schön gsi, schön sender do gsi …“

Desinfektionsmittelspender auf der Haupttribüne mit leerer Fankurve im Hintergrund.
Siegesbier-Desinfektionsmittel.

Schlusspfiff. Luzern schlägt Basel mit 2:1. Die Basler Auswechselspieler rund um den langjährigen Luzerner Publikumsliebling Valentin Stocker, der noch ein paar nette Worte auf den Heimweg mitbekommt, verlassen ihre temporäre Ersatzbank auf der Tribüne und zotteln Richtung Katakomben. Während vereinzelte Spieler auf dem Platz Interviews geben, sind die Feierlichkeiten auf der Tribüne so schnell beendet, wie sie begonnen haben. Man verabschiedet sich zügig, denn ein Siegesbierchen ist mangels geschlossener Bierstände unmöglich. Was nun wohl in der Kurve los wäre? Fast schon nostalgisch blicke ich auf die kahlen Betonstufen. Die Mannschaft auf der Ehrenrunde, ein brachial lautes UFFTA, und dann das gemeinsame, abschliessende Tänzchen mit zwei, drei bengalischen Lichtern. Blessing, der auf dem Weg in die Kabine gefühlte acht Mal zurückschielt und sich noch eine letzte Ehrerweisung erhofft. Von Bierbechern gesäumte Treppenstufen, am Boden klebende Schuhe, siegestrunkene Gestalten, die Richtung Ausgang taumeln. Das alles fehlt heute. Ich lasse meinen inneren Film ablaufen und verlasse das Stadion mit einem kräftigen Spritzer aus dem Desinfektionsmittelspender. Auf dem Weg zu meinem Velo werde ich unmittelbar wieder in den Alltag zurückgeworfen. Wiederum keine Spur von einem gerade beendeten Fussballspiel. Bei der Zughaltestelle auf dem Messeplatz treffe ich einen alten Schulkollegen und seine Freunde im FCL-Dress. Sie wollten sich den Matchbesuch nicht gänzlich nehmen lassen und haben sich zum gemeinsamen Schauen auf dem Laptop vor Ort mit ausreichend Dosenbier entschieden. Eine weitere Möglichkeit, die kommende Corona-Zeit als Fussballfan zu bewältigen. Mit vielen Eindrücken im Gepäck verabschiede ich mich und steuere meinen Drahtesel in Richtung andere Seeseite. Bei einer Schale in der Abendsonne lasse ich die ganzen Erlebnisse sacken. Die ständigen Gedankenspielereien haben kaum dazu beigetragen, meine chaotische Gefühlslage zu ordnen. Trotzdem werde ich und alle anderen Fussballfans sich darauf einstellen müssen, dass unser Fussball in absehbarer Frist nicht zurückkehren wird und ich mit der Situation bestmöglich ins Reine komme. Immerhin bleibt dafür reichlich Zeit.

***

Übrigens: In seinem postum erschienenen Werk Entwürfe zu einem dritten Tagebuch, dessen Fragmente Max Frisch in den letzten paar Jahren vor seinem Tod 1991 geschrieben hat, erzählt er von einer Begegnung mit einem fremden Mann aus dem Bürgertum. Auch wenn dieser sich nicht mit jedem Linken an denselben Tisch setzen würde, lädt er Frisch zur Plauderei über Gott und die Welt in einem einfachen Restaurant ein – bei Bier und Wurst. (Bestellt wird schlussendlich kaltes Siedfleisch zum Bier, keine Wurst.) Frisch nimmt die Einladung aus Höflichkeit an, auch wenn er etwas unter Zeitdruck steht. Der Grund: Er will die Fussballweltmeisterschaft nicht verpassen. Im Fernsehen, notabene.

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