Blinde Emotionen – Fussballfan ohne Augenlicht

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Vor rund zwei Jahren wurden einem FCL-Fan während des Ausgangs K.o.-Tropfen ins Getränk gemischt. Die Auswirkungen waren fatal: Praktisch von einem Tag auf den anderen verlor der damals 18 Jahre alte Edgar sein Augenlicht. Die Treue zum Fussballclub Luzern ist trotz des Schicksalsschlag bis heute geblieben. Regelmässig ist der heute 20-jährige in der Luzerner Fankurve anzutreffen. Ob zuhause oder auswärts: Edgar ist mit dabei.

So auch beim letzten Away-Game in St.Gallen-Winkeln. «Kämpfe Lozärner, kämpfe» skandieren die mitgereisten Fans im Gästeblock – der Schiedsrichter hat soeben zur Halbzeitpause gepfiffen. Zwischen St.Gallen und Luzern steht es immer noch 0:0. Vom Geschehen auf dem Spielfeld hat Edgar nichts mitbekommen, zumindest visuell nicht. Edgar ist nahezu blind. Trotzdem steht er auch an diesem Samstag-Abend mitten im Fanblock, angelehnt an einen Wellenbrecher, in der linken Hand sein Blindenstock. Neben ihm drei Freunde, die versuchen, ihm die Geschehnisse der ersten Halbzeit in einer Kurzfassung nochmals zu schildern.

Seit fast zehn Jahren fahren Edgar und seine Freunde zu den Spielen ihres Herzensvereins. Doch im Gegensatz zu seinen Freunden, erkennt Edgar seit gut zwei Jahren im Stadion lediglich noch das Leuchten der Flutlichtmasten. Damals, vor zwei Jahren, stand der heute 20-jährige Fussballfan kurz vor den Lehrabschlussprüfungen. Gemeinsam mit Freunden begibt sich der angehende Detailhandelsfachmann an diesem verhängnisvollen Freitag in den Ausgang. In einem Solothurner Nachtclub spritzt eine unbekannte Person dem nichtsahnenden Edgar sogenannte K.o.-Tropfen in den Drink, welcher Edgar neben sich auf den Tresen gestellt hat. Ein paar Schlücke später, klappt der junge Mann zusammen. Die Auswirkungen der K.o.-Tropfen sind so enorm, dass der Lehrling sein Augenlicht noch vor dem Beginn der Abschlussprüfungen fast komplett verliert. «Alles ging plötzlich so schnell, praktisch von einem Tag auf den anderen konnte ich kaum mehr etwas erkennen», schildert Edgar heute seine Horror-Geschichte. Seine dreijährige Verkaufs-Lehre konnte Edgar nicht einmal mehr abschliessen. «Es war die schlimmste Zeit meines bisher erst jungen Lebens, ich war am Boden zerstört. Täglich machte ich mir Vorwürfe. Wäre ich doch damals nicht in den Ausgang gegangen…».

Seine tragische Geschichte steckt Edgar heute erstaunlich cool weg. Mit der Unterstützung seiner besten Freunde ist der Matchbesuch in der Fankurve auch jetzt immer noch möglich. «Es bedeutet für mich unendlich viel, dass ich die Fussballspiele in der mir vertrauten Umgebung verfolgen kann. Obwohl ich je nach Lärmpegel nicht genau weiss, ob nun ein Tor gefallen ist oder lediglich ein Penalty gepfiffen wurde, fühlt sich die Atmosphäre in der Fankurve als Blinder sowas von geil an. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich, wenn es aus unmittelbarer Nähe auf einmal warm und hell wird und du die Gewissheit erhälst, es war ein Tor und kein Penalty!», erzählt Edgar mit leuchtenden Augen. «Die ganze Kurve geht ab und es reisst dich automatisch mit, obwohl du nicht einmal weisst, worum es geht – stellt euch das einmal vor».

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Das unbeschreibliche «Stadionerlebnis» kann Edgar also nach wie vor miterleben. Trotz, oder insbesondere infolge des verhängnisvollen Vorfalls vor zwei Jahren. Den aktiven Fussball musste der einst ausgesprochen talentierte Junior des FC Ruswil allerdings aufgeben. Immerhin den passiven Fussball und seine Liebe zum FC Luzern will und wird er nicht aufgeben, schenkt ihm dieser doch eine gesunde und bunte Abwechslung zum farblosen Alltag. Von sensationellen Siegen bis hin zu den bittersten Niederlagen – viele Hochs und Tiefs des Fussballclub Luzern hat er miterlebt – mit und ohne Augenlicht. An ein Highlight erinnert er sich noch ganz genau: «Der 5:1-Sieg gegen Basel im alten Allmend-Stadion ist mir noch so präsent, als wäre es gestern gewesen. Das waren unglaublich schöne Tore», schwärmt Edgar. Schönen Fussball und atemberaubende Choreografien auf der Luzerner Allmend und anderswo, kann Edgar heute leider keine mehr sehen. «Ich kann mir heute nur noch ausdenken wie die aufwendig gemalten Choreografien aussehen könnten, wenn mir die Freunde davon erzählen».

Und trotzdem steht Edgar Wochenende für Wochenende mitten im Fanblock. Singt, hüpft, klatscht, jubelt und flucht auch einmal. Wie alle anderen das eben auch tun. Nur, dass er dabei nichts sieht. Doch die Emotionen des Spiels lassen seine dunkle Welt erleuchten. So auch in der 51. Minute in St. Gallen wieder: Der Lärmpegel steigt in der Kurve der Blauweissen. Einen kurzen Moment herrscht Stille, dann explodiert der Gästeblock. Gooooooaaaaaal! Rund um Edgar liegen sich die Fans in den Armen, jubeln, umarmen sich. Mittendrin Edgar: «Was gibt es geileres?»

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